Die Begabung von Menschen, nicht sein Geschlecht muss im Vordergrund stehen

Die Welt braucht mehr Räubertöchter und weniger Prinzessinnen“ stand auf dem Aprilkalenderblatt, das mir meine Tochter neulich auf den Küchentisch gelegt hat. Und meine Ergänzung lautete: „Und Jungen dürfen weinen“.

Trotzdem werden auch heute noch – im 21. Jahrhundert – Mädchen und Jungen auf typisch männlich und typisch weiblich festgelegt, und das schon in jungen Jahren.

Ein Beispiel: Die Farbe der Erstausstattung für Jungs: blau. Die für Mädchen: rosa/pink. Auf dem T-Shirt der Jungs steht: „Hero“ oder „Chef“. Bei den Mädchen: „Beauty“ oder „Love“. Vom Baby über die Kita bis in die Schule setzen sich Geschlechterstereotype fest. Piraten, Fußball, Formel eins sind dann eher das Jungs-Ding; Prinzessin, Einhorn, Pferde das, was Mädchen gern haben (sollen).

Der gesellschaftliche Wandel von Geschlechterverhältnissen ist im Hinblick auf Gleichberechtigung und Vielfalt noch lange nicht abgeschlossen. Zwar gibt es erste Erfolge – zum Beispiel im Hinblick auf eine gendergerechte Sprache.Aber Geschlechtergerechtigkeit bleibt eine gesellschaftliche Vision und Aufgabe – für die Erziehung und Bildung in Familien, in Kitas, Schulen, Universitäten und Ausbildungsstätten. Immer noch setzen sich tradierte Geschlechterrollen zu stark fort. Wenn man sich zum Beispiel das Berufswahlverhalten von Schülerinnen und Schülern anschaut, zeigt sich, dass bei Jungen der beliebteste Ausbildungsberuf der des Kfz-Mechatronikers ist, bei Mädchen steht der Beruf der Frisörin ganz oben. Problematisch in diesem Zusammenhang ist auch, dass unsere Kinder in ihren ersten Jahren hauptsächlich vorn Frauen erzogen und ausgebildet werden. Das gilt sowohl für die familiäre Betreuung als auch für die Bildung in unseren Kitas und Schulen. Es gibt noch viele zu wenige männliche Erzieher und Grundschullehrer. Wenn wir das so hinnehmen, darf man sich über geschlechterspezifische Stereotype nicht wundern. Wollen wir das aber ändern, müssen wir auch über Gehälter und Anerkennung in diesen Berufen reden.

Mehr denn je müssen wir auch in der Politik achtsam sein, wenn Sprache, Gesten, Rituale, Kleidung, Symbole bis hin zu Ausbildungs- und Berufsfeldern Geschlechterrollen zugewiesen werden. Wir müssen diese Festschreibungen aufbrechen und heraus stellen, dass die Vielfalt der Begabungen eines Menschen im Vordergrund steht und nicht das Geschlecht. Dazu können wir alle unseren Beitrag leisten – privat, politisch, gesellschaftlich. Letztlich sind Teilhabe- und Chancengerechtigkeit der Geschlechter wichtige Bestandteile des sozialen und kulturellen Zusammenhalts unserer Gesellschaft.