76 Jahre Novemberpogrome und 25 Jahre Fall der Berliner Mauer

Die „Kristallnacht“ – Dieser Begriff, der seit der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 den vorläufigen Höhepunkt einer beispiellosen Jagd auf Menschen jüdischen Glaubens bezeichnet, verschleiert das Ausmaß der Gewalt, der sich die Glaubensgemeinde in Deutschland ausgesetzt sah. Er suggeriert, um es mit den Worten des deutsch-evangelischen Pfarrer Horst Stuckmann zu sagen, dass „lediglich einige Fensterscheiben zu Bruch gegangen“ sein. Tatsächlich sind in dieser schicksalhaften Nacht Hunderte ums Leben gekommen und Tausende im Zuge der Verhaftungen und Verschleppungen in Konzentrationslagern verendet.

Auch in Bielefeld ist es zu massiven Übergriffen gekommen. Die prächtige Synagoge in der Turnerstraße brannte vollständig aus. Heute erinnert nur noch eine Gedenktafel an die schrecklichen Ereignisse. Im weiteren Verlauf der Verfolgungen wurden zwischen 400 und 500 der rund 1000 Bielefelder Juden ermordet. Viele wurden in Ghettos verschleppt, später auch in Konzentrationslager. Einige konnten sich ins Ausland retten.

Heute, 76 Jahre nach den Novemberpogromen, haben wir wieder eine blühende jüdische Glaubensgemeinde in Bielefeld: Neben der schönen Synagoge an der Detmolder Straße beherbergt unsere Stadt ein jüdisches Gemeindezentrum und einen jüdischen Friedhof.

Die Entwicklung zu einer liberalen und pluralistischen Gesellschaft war ein beschwerlicher Weg, begleitet von der Teilung Deutschlands in die Besatzungszone der Westmächte und der Sowjetunion.

Mehr als 27 Jahre trennte eine Mauer Berlin in Ost und West, trennte Familien und Freunde. Mehr als 200 Menschen haben bei dem Versuch sie zu überwinden, ihr Leben verloren.

Vor 25 Jahren haben die Menschen in der ehemaligen DDR ihrem Wunsch nach Freiheit mit einer friedlichen Revolution Ausdruck verliehen. Sie haben so dafür gesorgt, dass die Generation meiner Kinder die Teilung Berlins, Deutschlands und Europas nur aus Erzählungen und dem Geschichtsunterricht kennt. Sie gehören zu denen, die in einem ungeteilten Deutschland aufwachsen durften.

Diese Einheit, für die sich viele Bürgerinnen und Bürger der ehemaligen DDR engagiert haben, sehe ich als wunderbares Geschenk, für das ich sehr dankbar bin. Es muss sorgsam gepflegt und behandelt werden.

Der 09. November erinnert uns in zweifacher Hinsicht daran, dass es unsere Verantwortung ist, für Frieden, Freiheit und Demokratie zu arbeiten.

Ihre
Regina Kopp-Herr