Orientierung in der Politik

Woran orientieren sich Politikerinnen und Politiker? Regina Kopp-Herr (55) war uns ist Abgeordnete des Landtages Nordrhein-Westfalen vom 9. Juni 2010 bis 14. März 2012 und seit 31. Mai 2012. Die vierfache Mutter gibt Auskunft:

Gemeindebrief: Wie vereinbaren Sie Ihre eigenen Werte mit der der Parte, wenn sie mal nicht übereinstimmen? Orientieren Sie sich bei den eigenen Ansichten zu verschiedenen Bereichen des Lebens an dem Parteiprogramm?

Regina Kopp-Herr: Ich bin vor 21 Jahren in die SPD eingetreten, weil meine Werte und Vorstellungen des Zusammenlebens mit denen der Partei in Einklang standen und stehen. Aktuell gilt in der SPD das Hamburger Programm. An der Entstehung des Programms hat die Bielefelder SPD, der ich angehöre, durch viele unterschiedliche Diskussionsveranstaltungen mitgewirkt. Ich betrachte unser Programm als „Arbeitsplatzbeschreibung“ für mich. Die dort beschriebenen Grundsätze sollen politisch umgesetzt werden. Über den Weg der politischen Umsetzung kann es innerhalb der Partei oder der Fraktion verschiedene Vorstellungen geben. In diesem Fall gilt, die verschiedenen Ansätze diskutieren, Lösungsmöglichketen erarbeiten und abstimmen, um die Mehrheitsmeinung festzustellen. Wichtig für mich: Die Grundsätze des Programms müssen erkennbar bleiben.
Bei Themen aus dem Bereich der Ethik, die innerhalb der Partei aber auch über die Parteigrenzen hinweg sehr unterschiedlich diskutiert werden können, stelle ich im Konfliktfall meine Werte über die der Partei.

Welche Personen haben Sie so geprägt, dass Sie politisch tätig geworden sind?

Meine Eltern, Jahrgang 1926 und 1929 haben die Kriegs und Nachkriegszeit sehr bewusst erlebt. Die Menschenverachtung und die Unmenschlichkeit des Naziregimes haben beide uns Kindern nahe gebracht. Ihnen ging es darum in uns zu verankern, dass sich Terror, Diktatur und Krieg nie mehr von Deutschland aus wiederholen dürfen, und das Menschen Menschen sind, egal welche Herkunft, Religion, Hautfarbe sich haben. Darüber hinaus war die „Tagespolitik“ oft Gesprächsgegenstand zu Hause. Beide Elternteile haben uns Engagement in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen vorgelebt.

Welche Entscheidung hat Sie in Gewissensnöte gebracht?

Bislang bin ich nicht in Gewissensnöte bei einer Entscheidung gekommen. Ganz schwierig war für mich jedoch vor 2 Jahren die Entscheidung zur Erhöhung der Abgeordnetenbezüge.

Wie gibt Ihnen die Familie Orientierung und Sie der Familie? Mit wem reden Sie bei wichtigen Entscheidungen außerhalb der Partei?

Meine Familie nimmt sehr aktiv und engagiert an meiner politischen Arbeit teil. Das erfahre ich durch Beifallsbekundungen, aber auch durch kritische Diskussionen. Mir ist „Bodenhaftung“ wichtig. Dazu trägt die Familie bei. Durch die Bodenhaftung geben wir uns gegenseitig Orientierung. Deshalb hat für mich die Sichtweise meiner Familie zu anstehenden politischen Entscheidungen eine große Bedeutung. Hier kann ich vertrauensvoll darüber sprechen, ihre Argumente helfen beim Überdenken und Rücken stärken.

Wo sehen Sie sich in 10 Jahren?

In 10 Jahren sehe ich mich im „Unruhestand“.

Wen halten Sie für den bemerkenswerten Politiker und warum?

Es fällt mich schwer mich auf einen Politiker, eine Politikerin zu beschränken. Beeindruckt haben mich Johannes Rau und Regine Hildebrandt. Beide waren überzeugte Christen. Diese christliche Überzeugung war ihr roter Faden im politischen Handeln, der nicht zu übersehen war. Ich meine damit, dass sie beide eine den Menschen zugewandte Politik gemacht haben. Bemerkenswert finde ich aber auch Mahatma Ghandi, Nelson Mandela, Betty Willams und Moira Corrigan. Allen gemeinsam ist ihr Engagement für Gerechtigkeit und Frieden.

Die Fragen stellte Jörg Patzwald