Roter Siegeszug in Ostwestfalen-Lippe

Grenzenloser Jubel bei SPD und Grünen, Freude bei der FDP und den Piraten, tiefe Niedergeschlagenheit in der CDU und bei den Linken: Auch in der Region OWL hat das Ergebnis der Landtagswahl für große Emotionen gesorgt.

Bereits nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnung um 18 Uhr brach in der Zentrale der OWL-SPD in Bielefeld die totale Euphorie aus. Die beiden Landtagsabgeordneten Günter Garbrecht und Georg Fortmeier schlossen ihre Kollegin Regina Kopp-Herr in die Arme. Das Trio genoss den langen Beifall der Genossen. „Eines Tages werden wir auch noch das Hochstift knacken“, sagte Garbrecht.

„Es ist der blanke Wahnsinn“, sagte Regina Kopp-Herr und bedankte sich für „die tolle Unterstützung“. „Wir haben einen geschlossenen und selbstbewussten Wahlkampf geführt, das haben die Bürger belohnt“, freute sich Georg Fortmeier. „Die Menschen wussten, worauf es ankommt, und sie haben Rot-Grün klar bestätigt“, erläuterte Garbrecht, während die SPD einen Triumphzug zum Bielefelder Rathaus startete. Rote Fahnen wurden geschwenkt – zuvor hatten einige SPD-Mitglieder die Internationale angestimmt.

„Ich freue mich unheimlich, meine persönliche Erwartung wurde übertroffen“, sagte die SPD-Regionsvorsitzende Ute Schäfer. Mehrere Gründe waren aus ihrer Sicht für den Erfolg ausschlaggebend: Zum einen habe die rot-grüne Minderheitsregierung „gute Arbeit geleistet“. Zum anderen habe sich Hannelore Kraft als „eine Ministerpräsidentin erwiesen, die die Herzen der Menschen erreicht und ihre Sorgen und Nöte ernst genommen“ habe. In Bezug auf die CDU empfinde sie „keine Schadenfreude“, sagte Schäfer.

Das Wahlergebnis sei „ein Erdbeben für Kanzlerin Angela Merkel“, sagte die Spitzenkandidatin der OWL-Grünen, Sigrid Beer. Die Grünen in NRW hätten ein „enorm gutes Ergebnis unter erschwerten Bedingungen“ erzielt, sagte Beer unter Bezug darauf, dass mit den Piraten eine neue Formation aufgetreten ist. Beer kündigte an, dass auch eine stabile rot-grüne Mehrheitsregierung im Landtag „den Dialog mit anderen Fraktionen suchen“ werde. „Dieser unglaubliche Erfolg war für die Grünen kein Spaziergang, sondern ein Arbeitssieg“, sagte der Bielefelder Matthi Bolte, der neben Beer und Wibke Brems sowie eventuell Manuela Grochowiak-Schmieding die OWL-Farben für die Grünen im Landtag vertreten wird.

Wer bei der CDU lange Gesichter erwartet hätte, sah sich getäuscht. Man war schon lange vorbereitet auf das niederschmetternde Wahlergebnis. Bereits eine halbe Stunde vor der ersten Hochrechnung artikulierten die Besucher der Wahlparty im New World in der Bielefelder City den Grund: „Es lag am Spitzenkandidaten.“ Eine Meinung, der an diesem Abend keiner widersprach. Letztlich auch der Beschuldigte selbst nicht, dessen Rücktritt als Landesvorsitzender beinahe mit Erleichterung zur Kenntnis genommen wurde.

Monika Kammeier, Gegenkandidatin des erneut direkt Gewählten Günter Garbrecht, hielt einen bunten Strauß von Gründen bereit. „Es war ein flacher Wahlkampf, in dem Rosen statt Argumente die Entscheidung gebracht haben“, sagte die mit Listenplatz 56 hoffnungslos abgeschlagene Kandidatin. Dabei hätte nach ihrer Meinung das Aufkommen der Piraten dazu führen müssen, dass deutlich mehr Bürger für Sachargumente aufgeschlossen sind.

„Patzer statt Inhalte“ sah die CDU-Bundestagsabgeordnete Lena Strothmann als Ursache der Niederlage. „Ich glaub, ich schiele“, sagte sie. Diese „klare und bittere Niederlage tut uns allen richtig weh“. Erleichterung kam auf, als Röttgen bereits um 18.10 Uhr seine Niederlage eingestand und die Verantwortung übernahm. „Wenigstens erzählt er keinen Sülz“, zischelte Strothmann. Derweil stand der CDU-Bezirkschef Elmar Brok mit seinem Auto bei Wuppertal-Nord im Stau und konnte Röttgens Abgang nur im Radio verfolgen. Wer’s jetzt machen soll, ließ Brok noch offen. Auch die Antwort, ob Landes- und Fraktionsvorsitz in eine Hand gelegt werden sollten. Einen Favoriten habe er nicht. Darüber würden Landesvorstand und Fraktion heute bei ihrem Zusammentreten entscheiden, sagte Brok.

Bei der FDP wurde derweil gefeiert wie nach einem Freispruch mangels Beweisen. Voraussichtlich zwei Abgeordnete aus OWL wird die Partei nach Düsseldorf entsenden. „Wenn man den Rücken gerademacht und Worte sowie Taten in Einklang stehen, kommt das heraus“, sagte Bezirkschef und Euro-Rebell Frank Schäffler. Dies müsse für die Bundespartei eine Lehre sein. „Glaubwürdigkeit statt ein Einknicken erwarten die Wähler von uns.“ Spitzenkandidat Christian Lindner habe dies hervorragend rübergebracht. Wie schnell Sensation in der Politik Normalität werden kann, zeigt der Erfolg der Piratenpartei. Sie zieht erwartungsgemäß ins vierte Landesparlament ein. Ihren Exotenstatus hat sie damit verloren – und muss jetzt Politik machen. „Wir haben einen Vertrauensvorschuss bekommen, den wir durch gute Arbeit rechtfertigen müssen“, sagte deren Bezirkssprecher Sven Böhle. Währenddessen saß er als Helfer in Schloß Holte in einem Wahllokal und zählte Stimmen aus. Nicht ganz so viele für die Piraten wie im übrigen Land, sagt er. Beim nächsten Mal, verspricht er, würden die Piraten bestimmt auch einen Kandidaten aus OWL chancenreich auf der Liste platzieren.

Enttäuscht, aber gefasst kommentierte die Spitzenkandidatin der Linken, Barbara Schmidt, das schlechte Abschneiden ihrer Partei. „Wir hatten schon damit gerechnet, dass wir den Einzug in den Landtag nicht wieder schaffen“, sagte sie. Trotzdem werde die Linke weitermachen: „Unsere kritische Stimme ist unverzichtbar.“