Der Erfolg zieht an

Mit diesem Ergebnis hatte nicht einmal sie gerechnet. Hannelore Kraft, seit zwei Jahren Ministerpräsidentin und SPD-Spitzenkandidatin bei der Landtagswahl, ist von dem Erfolg ihrer Partei so überwältigt und gerührt, dass ihr die Tränen in die Augen treten. 39 Prozent für die Sozialdemokraten, fünf Prozentpunkte mehr als 2010, und eine klare Mehrheit für die von ihr gewünschte Koalition mit den Grünen, das hatte sie nicht in den kühnsten Träumen erwartet.

„Jetzt wird gefeiert, was das Zeug hält, und dann muss ich mich schon auf den Weg nach Berlin machen“, verkündete sie in zahllosen Interviews. In der Bundeshauptstadt wird sie dann wieder mit der Frage konfrontiert, die sie auch schon am Sonntag Abend ein Dutzend Mal beantworten musste: Ist sie nach diesem Triumph nicht eine aussichtsreiche Anwärterin in der SPD für die Kanzlerkandidatur im nächsten Jahr? Für Kraft, seit November 2009 eine von vier Stellvertretern von SPD-Chef Sigmar Gabriel, ist die Antwort klar: Ihr Platz ist in NRW, hier will sie mit eigener rot-grüner Mehrheit fortsetzen, was sie unter den erschwerten Bedingungen einer Minderheitskoalition mit den Grünen begonnen hat.

Eine knappe halbe Stunde nach Schließung der Wahllokale kommt Kraft zu ihren feiernden Genossen, die eine Diskothek im schicken Düsseldorfer Medienhafen für den Abend gemietet haben, an ihrer Seite Ehemann Udo und der 19-jährige Sohn Jan, der vor ein paar Wochen von einer Weltreise zurückgekehrt ist und in der letzten Wahlkampfphase seiner Mutter zur Seite stand. „Meine Familie hat immer ein Stückchen gelitten, aber auch mitgekämpft, und zwar handfest“, gesteht sie in einer kurzen Ansprache zu der ausgelassenen Menge. „Udo hat den bestplakatierten Ort im ganzen Land geschaffen, und das ist meine Heimatstadt Mülheim.“ Und ihre 76-jährige Mutter Anni hat dafür gesorgt, dass sie immer in ordentlich gebügelten Blusen und Jacketts vor die Wähler treten konnte. Es ist diese menschliche, natürliche, offene Art zu reden zu erzählen, die Kraft so große Sympathien in großen Teilen der Wählerschaft verschafft hat.

Zur selben Zeit, als Kraft von ihren Anhängern bejubelt und gefeiert wird, setzt sich im nur wenige Kilometer entfernten Ort Wasserstraße, dem Sitz der NRW-CDU, eine Prozession in Bewegung, und die gleicht einem Trauermarsch. An der Spitze geht Norbert Röttgen, der große Verlierer dieses Wahltags, mit seiner Frau Ebba, begleitet von Fraktionschef Karl-Josef Laumann, dem Stellvertreter Armin Laschet, Generalsekretär Oliver Wittke und den meisten Mitgliedern seines Schattenkabinetts, von denen jetzt keines den Beruf wechseln muss. Ziel der von Fotografen und Kamerateams umringten Truppe ist der nur wenige hundert Meter entfernte Landtag, wo ein Spießrutenlaufen auf die Wahlverlierer wartet: Dutzende von Interviews mit Fernsehen, Rundfunk und Zeitungen, wo sie Fragen beantworten sollen, auf die sie selber noch keine Antwort haben: War Röttgen der richtige Kandidat? Wie ist dieser katastrophale Einbruch zu erklären? Wer soll die Partei künftig führen?

Denn Röttgen, seit anderthalb Jahren Landesvorsitzender, nachdem er sich in einem Mitgliederentscheid gegen Laschet durchgesetzt hatte, zog sofort die Konsequenzen. Kaum hatten ARD und ZDF um 18 Uhr ihre Prognosen für den Wahlausgang veröffentlicht, verkündete er seinen Rücktritt vom Landesvorsitz. Nun soll ein Parteitag im Juni einen Nachfolger wählen.

Das hört sich allerdings leichter an, als es ist. Bislang wissen führende CDU-Leute nur, dass sie nicht wieder einen Import aus Berlin wollen. Ob sie aber auf den stämmigen Westfalen Laumann setzen, in sozialpolitischen Fragen eher auf dem linken Parteiflügel, in ethischen Fragen ein katholischer Wertkonservativer, oder auf Laschet, der die städtische liberale Wählerklientel der CDU repräsentiert, oder ob sie sich auf einen ganz anderen verständigen, den jetzt noch niemand auf dem Schirm hat, konnte an diesem traurigen Abend keiner sagen.

Hinter vorgehaltener Hand wird bereits damit begonnen, die Gründe für die verheerende Niederlage zu analysieren, und niemand kommt dabei um die Person des Spitzenkandidaten und den von ihm geführten Wahlkampf herum. Seine Weigerung, sich klar für einen Wechsel von der Bundes- in die Landespolitik zu bekennen, wird als Erstes genannt. Und er fand keine Antwort auf FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner, der ungeniert bei den CDU-Wählern wilderte.

„Im Grunde hatten wir die Wahl schon nach einer Woche verloren“, sagt ein alter Fahrensmann der NRW-CDU. Es gehe nicht nur um den Intelligenzquotienten, sondern auch um die soziale und emotionale Intelligenz, sagt ein Mitglied von Röttgens Schattenkabinett und spielt damit darauf an, dass Röttgen deutlich weniger begabt ist, mit Menschen und Wählern umzugehen, als seine Gegenkandidatin. Steffen Kampeter, der nun Staatssekretär im Bundesfinanzministerium bleiben kann und nicht als Minister in ein Kabinett Röttgen wechselt, sagte, es gebe zwei Verlierer: die CDU und NRW mit seinen Schulden.