Wir brauchen Bildung aus erster Hand

Die Integration junger Menschen in den Arbeitsmarkt ist eine sozialpädagogische Aufgabe, die kaum zu unterschätzen ist. Ein Arbeitsplatz bedeutet für viele Jugendliche nicht nur ein geregeltes Einkommen und einen damit verbunden Lebensstandard, sondern auch Selbstbewusstsein, Stabilität und soziale Inklusion. Das greift Folgeproblemen vor, die entstehen können, wenn eben diese Umstände nicht gegeben sind und gehören damit auch in den Bereich der präventiven Sozialpolitik – eines meiner zentralen Themen.

Um mir ein besseres Bild von den lokalen Maßnahmen zu machen, begebe ich mich am Morgen des 4. April auf den Weg zum Verein zur Förderung der Berufsbildung Dr. Heinz Potthoff. Der gemeinnützige Verein begleitet seit 35 Jahren Auszubildende auf ihrem Weg ins Berufsleben.

In einem unscheinbaren Gebäude gegenüber den Carl-Severing-Schulen werde ich herzlich vom Vorstandsvorsitzenden Bernd Nuppenau in Empfang genommen.
Nach einem kurzen Gespräch kommt der Schulleiter Eberhard Bolte von dem Carl-Severing-Berufskolleg für Metall- und Elektrotechnik dazu. Wir machen einen Rundgang durch die Räumlichkeiten und treffen Georg Buck und Hildegard Eling, zwei von derzeit fünf Festangestellten des Vereins, sowie Erziehungswissenschaftlerin Daria Meier.

Herr Buck zeigt uns einen der Unterrichtsräume. Ein paar Tische sind im Kreis angeordnet und vor einer großen Tafel stehen ein Overheadprojektor und ein Beamer. Herr Buck erklärt mir, dass der Beamer erst vor kurzem angeschafft wurde.

In einem anderen Unterrichtsraum sitzen ein paar Schüler und beschäftigen sich mit ihren Hausaufgaben. Unterstützt werden sie dabei von einer Lehrkraft. Man erklärt mir, dass die Jugendlichen im Rahmen des Programms ausbildungsbegleitende Hilfen (AbH) von der Arbeitsagentur vermittelt werden. AbH ist für die ausbildenden Unternehmen kostenlos und bietet Auszubildenden, die besonderer Förderung bedürfen, praktische Hilfen, wie zum Beispiel Stütz- und Förderunterricht zur Verbesserung von fachtheoretischen und fachpraktischen Kenntnissen, aber auch sozialpädagogische Begleitung. Herr Bolte fügt hinzu, dass die unmittelbare Nähe zur Schule ein großer Vorteil sei, da die Schüler/innen die Maßnahmen so eher in Anspruch nähmen, als wenn sie erst durch die ganze Stadt fahren müssten.

Wir setzen unsere Besichtigung fort und kommen schließlich in den Konferenzraum, wo Ralf Redeker, Vorstandsmitglied des Vereins, zu uns stößt. Bernd Nuppenau erläutert die wichtigsten Daten zur Geschichte des Vereins. Aus dem Nachlass von Dr. Heinz Potthoff stiftete 1975, auf den Wunsch ihres verstorbenen Mannes, Charlotte Potthoff 100.000 DM mit der Auflage, die Bildungsarbeit junger Metallarbeiter/innen in Bielefeld zu fördern. So ist die Einrichtung im Bielefelder Raum auch unter „Potthoff Stiftung“ bekannt. Ich erfahre unter anderem, dass Herr Potthoff Ende der 60er Jahre ebenfalls Landtagsabgeordneter der SPD war. Unter dem Vorsitz des SPD-Bundestagsabgeordneten Kurt Vogelsang wird 1977 der Verein gegründet.

Neben den AbH erfahre ich noch von ein paar anderen sehr interessanten Förderprogrammen: In der außerbetrieblichen Berufsausbildung (BaE) soll sozial benachteiligten Jugendlichen, die auch mit ausbildungsbegleitenden Hilfen nicht in einem Betrieb ausgebildet werden können, ein Ausbildungsabschluss ermöglicht werden. Sie werden in der Einrichtung begleitend unterstützt und in dem Carl-Severing-Berufskolleg unterrichtet. Der Verein übernimmt neben der sozialpädagogischen Betreuung auch das Bewerbungstraining und die Überzeugungsarbeit in den Betrieben. Die Auszubildenden kommen oft aus sehr schwierigen sozialen Verhältnissen und geraten mit den Unternehmen in Konflikte, so dass die Mitarbeiter/innen des Vereins häufig Konflikte schlichten und um Verständnis werben. Die Einrichtung betreut in diesem Projekt oftmals Extremfälle, die unter anderen Bedingungen kaum Chancen auf eine Lehrstelle hätten.

Der Verein kämpft aber auch immer wieder um das eigene Überleben: AbH-Trägerschaften werden von der Agentur für Arbeit unter anderem nach Kosteneffizienz ausgeschrieben. Da man sich hier an den Tarifverträgen der IG-Metall orientiert, wird oft zu Gunsten von Mitbewerbern entschieden, die ihre Mitarbeiter zu ungünstigeren Bedingungen beschäftigen. „Die Politik scheint sich nicht für sozialpädagogische Arbeit zu interessieren“ fügt Frau Eling hinzu.

Im Berufskolleg sieht die Problemlage etwas anders aus: Durch den Mangel an Studenten und Referendaren technischer Fachrichtung für das Lehramt am Berufskolleg können Neueinstellungen nur mit Seiteneinsteigern besetzt werden, die während der Ausbildungszeit praktisch im Umfang einer halben oder dreiviertel Stelle Unterricht erteilen, formal aber als volle Stelle an der Schule gezählt und entsprechend bezahlt werden müssen. Unter diesen Umständen wird es immer schwieriger, insbesondere in technischen Fächern, flächendeckend hochwertigen Unterricht sicher zu stellen, verstehe ich aus den Erläuterungen des Schulleiters.

Ein weiteres Projekt, das vom Verein getragen wird, ist die „Initiative zur Umsetzung des Tarifvertrages zur Förderung von Ausbildungsfähigkeit in der Metall- und Elektroindustrie“ (TV FAF), erklärt Herr Nuppenau. Der von der IG Metall Bezirksleitung NRW und Metall NRW im Jahr 2008 abgeschlossene Tarifvertrag bildet die Grundlage für ein Modellprojekt für die Regionen Bielefeld, Siegen und Düsseldorf. Das Projekt wird vom Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales gefördert und bietet umfangreiche Unterstützungsleistungen für die Betriebe bei der Anwendung und Umsetzung des Tarifvertrages. Es ist ein Angebot, dass sich an Jugendliche richtet, die aufgrund ihrer Qualifikationen Schwierigkeiten haben eine Lehrstelle zu finden und an Unternehmen die dem Fachkräftemangel entgegenwirken wollen. Am Ende einer maximal einjährigen Ausbildungsvorbereitungsphase steht im Regelfall ein Ausbildungsverhältnis. Bis dahin wird der Jugendliche in die betrieblichen Produktionsabläufe aktiv eingebunden. Zur Verbesserung der Fachkenntnisse besuchen die Jugendlichen die Berufsschule.

Mit dem Tarifvertrag bekommen junge Menschen mit schlechten Startchancen eine echte Chance auf einen Ausbildungsplatz. Bisher haben mehr als 28 Jugendliche nrw-weit von dem Tarifvertrag profitiert. Ich bin verwundert, als man mir sagt, dass derzeit in Bielefeld nur 6 „FAFlinge“ beschäftigt werden und das Interesse der Unternehmen sich in Grenzen hält. „Das liegt auch daran,“ erläutert Herr Nuppenau, „dass die Betriebe nach dem Tarifvertrag 75 % der Vergütung des ersten Ausbildungsjahres selbst übernehmen müssen. Die Vergütung wird dann quartalsweise jeweils um weitere 5% gesteigert um die Motivation der Jugendlichen zu steigern und sie gerecht für ihre produktive Mitarbeit im Betrieb zu entlohnen. Oft werden dann andere Maßnahmen bevorzugt, in denen dann aber keine Integration in die Betriebe erfolgt.“

Nach beinahe 3 Stunden Input kommen wir zum Ende der Gesprächsrunde. Ich habe einen tiefen Einblick erhalten und viele wertvolle Informationen zu verarbeiten.

Ich bedanke mich beim Vorstandsvorsitzenden Bernd Nuppenau, dem Vorstandsmitglied Ralf Redeker, den Mitarbeitern/innen und dem Schulleiter Eberhard Bolte dafür, dass sie sich viel Zeit genommen und geduldig meine Fragen beantwortet haben.

Es würde mich freuen, wenn sich in Zukunft Gelegenheiten ergeben würden, an den guten Gesprächen anzuknüpfen.