„Man hätte eine Stecknadel fallen hören”

„Nach neun Stunden Sitzungsmarathon und fast 20 Stunden auf den Beinen war ich abends total kaputt. Aber ich hätte diesen Tag um keinen Preis versäumen wollen.” Als Regina Kopp-Herr, SPD-Landtagsabgeordnete aus Bielefeld und Mitglied der Bundesversammlung, am Sonntagmorgen beim SPD-Frühschoppen im Innenhof des Hauses Werther von ihren Erlebnissen bei der Wahl des Bundespräsidenten Ende Juni in Berlin berichtete, war es mucksmäuschenstill. Genauso still vermutlich wie am frühen Nachmittag des besagten Mittwochs, als Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert nach dem ersten Wahlgang das Ergebnis verkündete. „Es lag ein fast unheimliches Schweigen über dem Plenarsaal. Man hätte eine Stecknadel fallen hören”, erinnert sich Regina Kopp-Herr.

Trotz Hitze war eine ganze Reihe Genossen in den Innenhof des Schlosses gekommen, um bei kalten Getränken und Würstchen das Neueste aus Landes- und Bundespolitik zu hören. Als Gäste waren neben Regina Kopp-Herr auch ihr Landtagskollege Georg Fortmeier sowie Versmolds Bürgermeister Thorsten Klute, zugleich Mitglied im SPD-Landesvorstand, gekommen. Sie diskutierten mit den Anwesenden über zahlreiche Themen besonders aus der Landespolitik: das Inkrafttreten der neuen Minderheitsregierung zum Beispiel, Schuldenberge und ihr Abbau, die geplanten Überarbeitungen von Kinderbildungsgesetz und Schulgesetz.

Am spannendsten war indes das, was Regina Kopp-Herr zu berichten hatte. Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass ein Bundespräsident gewählt wird – schon gar nicht so unverhofft wie in diesem Fall. „Im Grunde habe ich es Horst Köhler zu verdanken, dass ich in Berlin dabei sein durfte”, schmunzelte sie. Und der Tatsache, dass sie eine Frau sei. „Denn bei uns in der SPD gibt es eine Geschlechterquote. Und das war mein Glück.”
Eine Mappe hat sie angelegt, mehrere Zentimeter dick, die sie immer an den besonderen Tag in Berlin erinnern wird. Der genaue Tagesablauf steht darin vermerkt, auch zahlreiche Telefonnummern gabs für die Mitglieder der Bundesversammlung an die Hand, darunter zum Beispiel die der Parlamentsärztin, „falls jemandem zwischendrin schlecht würde.”
Regina Kopp-Herr passierte das nicht, ihr ging es an diesem historischen Tag hervorragend. „Das war alles ziemlich aufregend”, beschreibt sie, dass schon beim ökumenischen Gottesdienst im Vorfeld der Sitzung jede Menge Polit-Prominenz angereist war, Kanzlerin Angela Merkel natürlich und die Minister, um nur einige zu nennen.
Danach gings erst zu einer Fraktionssitzung und dann in den Plenarsaal des Reichstags. „Da hat normalerweise niemand außer den gewählten Bundestagsabgeordneten Zutritt”, schildert Regina Kopp-Herr. Sogar die Ministerpräsidenten der Bundesländer sitzen woanders, da sie kein originäres Mandat im Bund haben. „Als wir von der SPD reinkamen, wurden wir erst einmal von einem linken Wahlmann und einer linken Wahlfrau beschimpft”, beschreibt Kopp-Herr die aufgeladene Atmosphäre. „Ich habe einfach zurückgelächelt.”
Vor der eigentlichen Wahl hätte sie erst ein bisschen Angst gehabt, den richtigen Weg rein in die Wahlkabine und wieder heraus zu finden. „Denn wie peinlich wäre es gewesen, die falsche Tür zu erwischen?” Doch alles lief glatt, „ich stehe mit meinem Namen ja irgendwie mitten im Alphabet und konnte sehen, wie es die anderen machen”, erzählt sie ganz unprätentiös. Dass sie diesen Gang gleich dreimal antreten musste, damit hätte sie im Vorfeld nicht gerechnet. „Denn eigentlich waren die Mehrheitsverhältnisse klar.” Ihr Fazit: „Ein aufregender und spannender Tag für mich – und eine Ehre, dabei gewesen sein zu dürfen.”