Durch Bilder sprechen

Neue Westfälische, Bielefelder Tageblatt (NW), Dienstag, 23.11.2010

Brackwede (muk). „Das ist einfach nur wow, unglaublich. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal erleben werde“, sagte Alexander Herdt (35). Bis Oktober saß Herdt in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bielefeld-Brackwede I wegen räuberischen Diebstahls ein. Am Sonntag stellte er zusammen mit anderen Häftlingen eigene Kunstwerke aus. Unter dem Titel „Erlaubte Fluchten“ sind die Werke von 21 Knast-Künstlern im Rathaus-Pavillon zu sehen. Bei der Vernissage lobte auch Dr. Brigitte Mandt, Staatssekretärin im NRW-Justiz-Ministerium, die Ausstellung.

Alexander Herdt, gebürtig aus Kasachstan, sprach klare Worte. „Es gibt Menschen, die glauben, sie müssen Alkohol trinken, Drogen nehmen oder stehlen.“ Sichtlich beeindruckt hörten die Besucher zu. „Ich bin einer davon“, sagte Herdt. Ganz natürlich, offen und mit Selbstvertrauen hielt Herdt seine Rede.

„Man muss lernen, sich in Gesprächen zu öffnen“, betonte Herdt. „Männer, die malen“, oder „Männer, die Gefühle zeigen“ – so beschrieb Thomas Ludwig, der als Sozialpädagoge und Künstler das Projekt betreut, seine Eindrücke. Einer der Häftlinge, der sich ebenso öffnete, war Jonas G. (30). „Ein Bild von Alexander hat soviel bei mir ausgelöst“, berichtete G., warum er beim Projekt dabei war.

Wegen Betrugs saß er bis vor kurzem ein. „Kurz vor der Entlassung denkt man viel nach“, sagte G. Noch vor der offiziellen Eröffnung gingen die Besucher an den Stellwänden vorbei. Sie sahen zum Beispiel Bilder des Künstlers „Öndo“, der eine surrealistisch anmutende „Taube“, so der Titel, mit großen Schwingen malte. Oder geheimnisvolle afrikanische Frauen. Zu lebenslänglich ist Öndo (27) wegen Mordes verurteilt. „Die Taube erzählt von Freiheit“, steht auf einem Schild.

„Diese wunderschönen Beispiele zeigen, der Weg in eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft ist möglich“, stellte Mandt fest. „Das wollen wir im Strafvollzug, dass sich eine Entwicklung vollzieht“, verdeutlichte die Staatssekretärin.

Mandt hob heraus, dass bei Gefangenen mit sprachlichen Defiziten dies beim Malen „keine Rolle“ spiele. „Beim Malen vergesse ich alles“, zitierte Regina Kopp-Herr, Brackweder Bezirksvorsteherin, Aussagen von den Männern im Knast.

Kopp-Herr ist Mitglied im Anstaltsbeirat der JVA Bielefeld-Brackwede und lud Mandt mit einem Plakat zur Vernissage in Brackwede ein. Mandt: „Dieser Vorladung bin ich sehr gerne gefolgt.“

Auch Herdts Sohn Daniel war zur Ausstellungseröffnung gekommen. Ja, er sei stolz auf seinen Vater, sagte der Achtjährige.

Noch bis Freitag, 17. Dezember, ist die Ausstellung geöffnet. Am Sonntag, 5. Dezember, lädt die Volkshochschule ab 11.15 Uhr zum Rundgang mit einzelnen Künstlern ein. Sie werden selbst durch die Ausstellung führen.