Kreativität hinter Gefängnismauern

Neue Westfälische, Bielefelder Tageblatt (NW), Freitag 19.11.2010

Brackwede (tok). Wer denkt, Menschen im Gefängnis beschäftigten sich ausschließlich mit so stumpfsinnigen Tätigkeiten wie Tütenkleben, irrt. Zumindest, was die Justizvollzugsanstalt (JVA)Bielefeld betrifft. Dort drücken Gefangene ihre Gefühle und Empfindungen mit Pinsel und Leinwand aus.

Die teilweise wirklich beeindruckenden Ergebnisse dieses künstlerischen Schaffens hinter Gittern werden jetzt erstmals öffentlich gezeigt. „Erlaubte Fluchten“ lautet der Titel der Ausstellung, die am Sonntag, 21. November, im Brackweder Rathauspavillon eröffnet wird.

Das Projekt „Kunst im Knast“ läuft seit zwei Jahren. Unter Anleitung des Künstlers und Sozialpädagogen Thomas Ludwig aus Paderborn wurden den Gefangenen in mehreren Kursen die Grundkenntnisse im Malen mit Acryl auf Leinwand vermittelt. Untersuchungshäftlinge griffen ebenso zum Pinsel wie Mörder, die zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden waren. „Überall im Gefängnis sind Gitter“, so Ludwig, „das Malen eröffnet die Chance, zumindest seinenIdeen freien Lauf zu lassen“.

Das Angebot wurde mit soviel Begeisterung angenommen wie Freibier auf einem Schützenfest. „Die Leute wollten gar nicht wieder aufhören zu malen, einige haben sogar an den Wochenenden in ihren Zellen weitergemalt“, berichtet JVA-Sozialpädagogin Elke Rögge.

„Das war eine absolut neue, tolle Erfahrung“, sagt Alexander Herdt. Der 35-Jährige ist einer der ausstellenden Künstler. Seine Bilder haben eine bemerkenswerte Ausdruckskraft. „Die dunklen Wolken symbolisieren den ganzen Sumpf aus Kriminalität und Drogen, der mein Leben geprägt hat“, beschreibt er eines seiner Werke, „aber da ist auch ein Lichtstrahl, der zeigt, dass es Hoffnung auf eine bessere Zeit gibt“.

Für Herdt hat diese bessere Zeit bereits begonnen. Er hat seine Haftstrafe verbüßt und lebt wieder in Freiheit.

„Jedes Bild erzählt eine Geschichte“, sagt Thomas Ludwig und findet sich durch die Vielfalt und Qualität der Arbeiten in seinem Motto bestätigt: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“

Insgesamt werden in der Ausstellung rund 60 Bilder der Gefangenen gezeigt. Dazu kommen 20 weitere Arbeiten von Thomas Ludwig. Ebenfalls zu sehen sind wunderschöne Holzarbeiten, die in der Arbeitstherapie entstanden sind. Das Projekt ist in höchsten Justizkreisen auf großes Interesse gestoßen. Zur öffentlichen Vernissage am Sonntag um 11.15 Uhr wird unter anderem die Staatssekretärin im Justizministerium, Dr. Brigitte Mandt, erwartet.

Aus naheliegenden Gründen können nicht alle ausstellenden Künstler an der Eröffnung teilnehmen. „Aber wir werden versuchen, ihnen später Einzelbesuche zu ermöglichen“, sagt Elke Rögge.