Jugendliche ersetzen Politiker

© 2010 Neue Westfälische Bielefelder Tageblatt (NW), Mittwoch 06. Oktober 2010

VON SAMIRA NIMICK

Bielefeld. Viele Jugendliche wenden sich von Politik ab, vier Jugendliche aus Bielefeld springen jetzt aber mitten hinein ins politische Alltagsleben. Sie vertreten die heimischen Landtagsabgeordneten drei Tage lang beim Jugendlandtag in Düsseldorf. Dominik Werner (18) ist einer davon. Er hat Fragen: Wie geschieht Meinungsbildung in einer Fraktion? Wie ist es, am Rednerpult zu stehen?

Zusammen mit Nora Werner (18), Marvin Kähnert (17) und Jonas Knapp (18) sitzt er von Donnerstag, 7. Oktober, bis Samstag, 9. Oktober, im Düsseldorfer Plenarsaal. Jeder der 181 Landtagsabgeordneten wählte einen jugendlichen Vertreter aus seinem Wahlbezirk, also auch die vier Bielefelder Abgeordneten. Jonas Knapp ersetzt Matthi Bolte (Grüne); Regina Kopp-Herr, Georg Fortmeier und Günter Garbrecht (SPD) werden durch Dominik Werner, Marvin Kähnert und Nora Werner vertreten. Bekanntlich sind die anderen Bielefelder Parteien zurzeit nicht im Landtag vertreten. Alle Jugendlichen sind seit einiger Zeit politisch aktiv: Jonas Knapp bei der Grünen Jugend, die anderen drei bei den Jungsozialisten.

Während Nora und Dominik von den Abgeordneten angesprochen wurden, gelangten Marvin und Jonas durch Eigeninitiative in den Jugend-Landtag. Sie möchten wissen, wie Berufspolitik funktioniert. „Ich finde es total interessant, dort zu sein, wo täglich wichtige Entscheidungen getroffen werden. Und zu sehen, wie es wirklich ist“, sagt Nora , die später Politikwissenschaften studieren möchte.

Seit Tagen sind die vier Schüler aufgeregt. Schließlich werden sie für drei Tage in Fraktions- und Ausschusssitzungen sitzen und in einer Plenardebatte sogar Beschlüsse fassen. Die stehen später tatsächlich in den Ausschüssen des echten Landtags zur Entscheidung auf der Tagesordnung. Auf das Diskutieren mit den anderen Jugendlichen, auch innerhalb der eigenen Fraktion, freuen die vier sich besonders. Nora und Jonas möchten ihre Rhetorik schulen. Dominik fragt sich, ob es einen Parteienkampf geben wird. „Wir sind so viele unterschiedliche Menschen. Einen gemeinsamen Nenner zu finden ist der Knackpunkt, mit den anderen Parteien, aber auch in unserer. Das wird schwer.“ Besonders mit der CDU, glauben die Jungsozialisten. Reden werde man aber auf jeden Fall miteinander. Alles andere fände Marvin albern: „In erster Linie sind wir Jugendliche, die interessante Gespräche führen wollen.“

Zur Politik gekommen sind Jonas, Marvin, Dominik und Nora durch das Elternhaus oder durch öffentliche Auftritte von Politikern. „Durch die informiert man sich als Erstes“, meint Nora, die ihren Abgeordneten Günter Garbrecht seit Kindheitstagen kennt. Sie interessiert sich schon lange für Politik: „Ich wusste bald, dass ich mich mit der SPD am meisten identifizieren kann.“ Dominik war von Oberbürgermeister Pit Clausen so begeistert, dass er den Jungsozialisten beitrat. Seine rote Krawatte will er in Düsseldorf in jedem Fall tragen, um zu zeigen, zu welcher Partei er gehört. Auch Marvin kam durch die Rede eines Politikers auf den Geschmack. „Bei mir war es Sigmar Gabriel. Ich hab ihn mal hier in Bielefeld gesehen. Als die Jungsozialisten nach der Bundestagswahl 2009 wieder kämpfen wollten, wusste ich, das ist es.“

Jonas mag es „etwas zu bewegen und mitzugestalten.“ Mit der Grünen Jugend ist er regelmäßig in Aktion, etwa gegen Atomkraftenergie. Er hofft in Düsseldorf „viel über den Landtag zu lernen, viel zu diskutieren und engagierte Leute zu treffen.“